Singen in der Krise?

„Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für.“ (Psalm 89,2)

Wie soll das gehen in einer Zeit, wo gerade das Singen in den Gottesdiensten und Gemeinschaftsstunden besonders kritisch und deswegen auch nicht möglich ist?

Geht uns hier nicht ein entscheidendes Element unserer Gottesbeziehung und Gottesdienstes verloren?

Sicher. Singen und Musizieren gehören seit jeher zur Gestaltung und zum Ausdruck des christlichen Glaubens dazu. Und ich weiß nicht, ob es jemals schon solch eine Verordnung gegeben hat, die uns das gemeinsame Singen in unseren Versammlungen verbietet. Geradezu unmöglich ist der Vortrag eines Chorliedes geworden. Und die Instrumentalisten müssen auf Abstand gehen.

Aber keiner verbietet es uns, trotzdem ein Lied anzustimmen oder auch anzuhören. Ich weiß nicht, wie es euch geht: Irgendein Lied geht mir immer im Kopf herum und klingt sozusagen unsichtbar weiter. Das macht mir auch deutlich, welchen Schatz uns Gott mit der Musik gegeben hat und welchen Reichtum an Liedern wir haben. Unbewusst haben wir die Texte und Melodien in den Proben gelernt und verinnerlicht. Und darauf dürfen wir nun zurückgreifen. Wir können mal ohne Probendruck Texte lesen, Lieder genießen. Sicher, in Gemeinschaft mit anderen ist es schöner, aber auch unser „Sololied“ hat seinen Wert.

Was sich nicht verändert hat in Zeiten, wo nichts mehr sicher ist, das ist doch der Inhalt unserer Lieder, die Motivation unseres Singens. Und davon spricht dieser Psalm: Gottes Gnade und Treue.

Mancher mag seine Probleme damit haben, heute von Gottes Gnade zu sprechen. Stehen nicht Fragen wie „Wo ist Gott? Warum lässt er dazu?“ eher im Raum?

Wir dürfen solche Fragen aussprechen vor Gott und eine Antwort erwarten. Vielleicht öffnet er uns den Horizont seiner unendlichen Gnade, der Gnade, die am Kreuz von Golgatha sprichwörtlich mit Händen zu greifen ist.

Wir können uns neu auf diese Gnade besinnen und von ihr weitersagen. Denn diese Freiheit haben wir – im Gegensatz zu Ländern, wo Christen verfolgt werden – nicht erst seit Corona.

An vielen Stellen erlebe ich, wie Christen das wahrnehmen und sich nicht verstecken: Nämlich ihren Herrn zu bezeugen.

In einer Zeit, wo das Misstrauen bunte Blüten treibt, werden wir ermutigt, der Gnade Gottes zu vertrauen.

Und Gott antwortet – auch auf unsere Gebete.

Viele Christen in unserem Land beten seit Ausbruch der Krise anhaltend um Gottes gnädiges Eingreifen. Jetzt erleben wir, dass unser Land bisher von der großen Katastrophe verschont geblieben ist. Und schon kommen auch unter Christen die Meinungen auf, es ist alles gar nicht so schlimm, wir werden aufs Glatteis geführt. Sicher, wir kennen die Ursache der Krise nicht, auch wenn es da viele Vermutungen gibt. Aber wie wäre es mit dem Gedanken, dass wir hier eine Gebetserhörung erleben? Ich möchte das für mich so annehmen. Auch in dem Wissen, der Herr, dessen Treue groß ist, steht über allen Mächten und Gewalten in dieser Welt. Wir gehen nicht dunklen Zeiten entgegen, sondern seiner Ewigkeit. Wer das glaubt und dem vertraut, dem wird auch der Mund zu Lob und Dank geöffnet.

Ich wünsche uns, dass uns die Unheils- und Heilsnachrichten von allen möglichen Seiten unsere Gedanken nicht so in Beschlag nehmen, dass für Gottes Wort und seine Gedanken mit uns und dieser Welt kein Platz mehr ist. Auch wenn die Not oft groß ist, gerade bei denen, die ein Geschäft oder einen Betrieb haben oder bei denen, die um die Arbeit bangen oder jetzt mit weniger auskommen müssen. Sie alle, uns alle, dürfen wir im Gebet vor Gott bringen.

Wir können nur Tag für Tag vertrauen und freuen uns schon darauf, eines Tages nicht mehr „Solisten“ sein zu müssen, wenn wir uns wieder in größerem Rahmen treffen.

Bis dahin bete ich auch um Weisheit und Geduld und versuche, Gottes Möglichkeiten ganz neu zu entdecken.

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